Context Card
Vorhersehbare Fehlanwendung dokumentieren, ohne sie zur Option zu machen
Wie beschreibt eine Anleitung vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung, ohne sie als Art der Verwendung darzustellen?
Die kurze Antwort
Indem sie sie als Grenze formuliert, nicht als Variante der Verwendung. Vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung wird in der Risikobeurteilung bestimmt; die Anleitung nennt, was nicht getan werden darf, sagt warum und hält es getrennt von der Beschreibung der bestimmungsgemäßen Verwendung und von Handlungsanweisungen. Eine verbotene Handlung, die wie ein Bedienschritt geschrieben oder so ausführlich erklärt wird, dass sie wie eine Behelfslösung klingt, normalisiert genau das Verhalten, das sie verhindern soll.
Für: Technische Redakteure und Produktsicherheitsingenieure, die Sicherheitsinformationen und Betriebsanleitungen für Maschinen schreiben
Das Wichtigste
- ISO 12100 definiert vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung als vom Konstrukteur nicht beabsichtigte Verwendung, die sich aus leicht vorhersehbarem menschlichem Verhalten ergeben kann.
- Sie wird in der Risikobeurteilung bestimmt; die Redakteurin dokumentiert deren Ergebnis und entscheidet nicht allein, was als Fehlanwendung gilt.
- Das EU-Maschinenrecht verlangt, dass die Betriebsanleitung vor Verwendungen warnt, die erfahrungsgemäß vorkommen können, aber unzulässig sind.
- Ein Verbot nennt die Handlung, die Folge und, wo es hilft, die vorgesehene Alternative – keine Schritt-für-Schritt-Beschreibung der Fehlanwendung.
- Fehlanwendung steht zusammen mit der bestimmungsgemäßen Verwendung in den Sicherheitsinformationen und, wo sie bei einer Handlung wahrscheinlich ist, als Warnung vor dieser Handlung.
Der Zusammenhang
Was das ist
Vernünftigerweise vorhersehbare Fehlanwendung ist die Verwendung einer Maschine in einer Weise, die vom Konstrukteur nicht beabsichtigt ist, sich aber aus leicht vorhersehbarem menschlichem Verhalten ergeben kann (ISO 12100). Sie ist das Gegenstück zur bestimmungsgemäßen Verwendung, und beide werden in der Risikobeurteilung bestimmt: Der Hersteller ermittelt die Fehlanwendung, mindert das Risiko wo möglich durch Konstruktion und Schutzmaßnahmen und behandelt, was verbleibt, in den Benutzerinformationen.
Die Maschinenverordnung (EU) 2023/1230, die ab dem 20. Januar 2027 gilt (bis dahin die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG), verlangt in Anhang III Abschnitt 1.7.4.2, dass die Betriebsanleitung die bestimmungsgemäße Verwendung beschreibt und vor Verwendungen warnt, die erfahrungsgemäß vorkommen können, aber unzulässig sind.
Eine Grenze, keine Option
Das Risiko beim Dokumentieren von Fehlanwendung ist, dass die Dokumentation sie selbst normal erscheinen lässt:
- Eine verbotene Handlung, als nummerierter Schritt geschrieben, liest sich wie eine Anweisung.
- Eine ausführliche Erklärung, wie eine Schutzeinrichtung umgangen werden könnte, ist eine Anleitung zum Umgehen.
- Eine Fehlanwendung zwischen Bedienoptionen wirkt wie eine von ihnen.
Ein Verbot wirkt, wenn es kurz und unmissverständlich ist: was nicht getan werden darf, was passiert, wenn es doch getan wird, und – wo es hilft – was stattdessen zu tun ist.
| Statt | Besser |
|---|---|
| „Um einen Stau schnell zu beheben, kann die Schutzhaube bei laufendem Förderband geöffnet werden.“ | „Schutzhaube nie bei laufendem Förderband öffnen. Bewegte Teile können Hände einziehen. Förderband anhalten und den Stillstand abwarten, bevor der Stau behoben wird.“ |
Wohin sie gehört
Verbote, die für jede Verwendung gelten, stehen bei der bestimmungsgemäßen Verwendung in den Sicherheitsinformationen. Vor einer Fehlanwendung, die bei einer bestimmten Handlung wahrscheinlich ist – unter Zeitdruck, bei der Reinigung, bei der Störungsbehebung –, wird zusätzlich direkt vor dieser Handlung mit einem Warnhinweis gewarnt.
Diese Karte steht im Zusammenhang mit dem Risikodenken im Blueprint Denkmodelle für Technische Redakteure. Fehlanwendung zu dokumentieren macht eine Maschine weder sicher noch konform; der Inhalt folgt der Risikobeurteilung des Herstellers.
Fragen, die sich daran anschließen
- Wird jede denkbare Fehlanwendung in der Anleitung aufgeführt?
- Nein. Die Anleitung behandelt die Fehlanwendung, die die Risikobeurteilung als vernünftigerweise vorhersehbar ermittelt und die nicht durch Konstruktion oder Schutzmaßnahmen beseitigt ist. Eine endlose Liste unwahrscheinlicher Fehlanwendungen würde die relevanten verdecken.
- Soll die Anleitung erklären, warum etwas verboten ist?
- Ja, kurz. Die Folge zu nennen hilft Lesern, ein Verbot anzunehmen; eine lange technische Erklärung der Fehlanwendung selbst sollte vermieden werden.
- Wer entscheidet, was als vorhersehbare Fehlanwendung gilt?
- Der Hersteller, in der Risikobeurteilung. Die Technische Redakteurin kann Erfahrungen aus Service und Anwendung einbringen, entscheidet aber nicht allein.
Quellen
- ISO 12100:2010 Safety of machinery — General principles for design — Risk assessment and risk reduction — ISO, 1. November 2010
- Regulation (EU) 2023/1230 on machinery — Official Journal of the European Union, 29. Juni 2023
- IEC/IEEE 82079-1:2019 Preparation of information for use (instructions for use) of products — Part 1: Principles and general requirements — IEC, 8. Mai 2019
Prüfprotokoll und Änderungen
Jede Context Card wird vor der Veröffentlichung und bei jeder Änderung erneut anhand ihrer Quellen geprüft; das Datum unter der Autorenzeile ist die letzte Prüfung. Korrekturen (etwas war falsch) und Ergänzungen (etwas fehlte) stehen unten mit Datum und Uhrzeit (deutsche Zeit). Tippfehler, Formatierung und Link-Korrekturen werden nicht aufgeführt.
Geprüft
Seit der Veröffentlichung keine Korrekturen oder Ergänzungen.